Haben Sie im Sommer im Urlaub einmal gar nichts getan? Nur in die Wolken gesehen, ohne den Linked-In-Account zu checken? Eine Ameise beobachtet ohne an To-dos zu denken? Mehr und mehr verkürzen wir die Phasen des natürlichen Leerlaufs. Wenn wir eine U-Bahn versäumen, checken wir Mails. Wenn uns eine Filmsequenz langweilt, surfen wir auf dem Smartphone.
Gerade Führungskräften fällt es zunehmend schwer, nichts, wirklich gar nichts zu tun. Für sie wäre es aber in dringendem Maße notwendig, sich ab und zu einmal zu „langweilen“, sprich, sich aus dem Dauerstress herauszunehmen. Nicht jede freie Minute muss produktiv genutzt werden. Nicht jede Pause muss der Vorbereitung des nächsten Termins dienen. Nicht jede stille Minute braucht ein Handy, einen Podcast oder eine neue Aufgabe. Wer führt, trifft laufend Entscheidungen, hört zu, vermittelt, priorisiert und übernimmt Verantwortung. Das braucht Konzentration – aber auch Räume, in denen sich Gedanken setzen dürfen.
Entspannung allein macht noch keine gute Führung. Doch wer innehalten und die eigene Aufmerksamkeit bewusst steuern kann, führt häufig präsenter, authentischer und mit stärkerem Blick für die Mitarbeitenden, so eine Meta-Analyse zu Mindfulness von Führungskräften.
Entspannung ist nicht das Gegenteil von Leistung. Sie ist ihre Voraussetzung. Wer sich selbst keine Pause zugesteht, führt leicht aus dem Reaktionsmodus heraus: schnell, getrieben und mit einem immer kürzeren Geduldsfaden. Ein kurzer Spaziergang ohne Telefon, ein paar Minuten Blick aus dem Fenster oder ein freier Abend ohne E-Mails sind keine verlorene Zeit. Es sind kleine Unterbrechungen, in denen Abstand entstehen kann – zu Problemen, Erwartungen und zum eigenen Tempo.
Eine aktuelle Untersuchung zeigt, wie relevant Erholung im Arbeitsalltag ist und dass Abschalten nicht erst im Urlaub beginnen soll. Wer früh am Abend gedanklich Abstand zur Arbeit gewinnt, sich entspannt und die freie Zeit selbst gestalten kann, schafft bessere Voraussetzungen für Energie und Klarheit am nächsten Tag (Quelle).
Eine Form von guter Führung liegt also auch darin, Leerräume nicht sofort zu füllen. Langeweile auszuhalten. Nicht gleich eine Antwort zu suchen. Und sich selbst zu erlauben, für einen Moment nicht erreichbar, nicht produktiv und nicht zuständig zu sein.
Und vielleicht ist für die Zeit nach dem Urlaub das „15 Minuten-Ritual“ eine erste, pragmatische Lösung. Nutzen Sie am Abend vor dem Nach-Hause-Gehen 15 Minuten nach diesem Schema:
- 3 Minuten: Offene Punkte und den ersten nächsten Schritt für morgen notieren.
- 2 Minuten: Eine klare Abschlussentscheidung treffen: „Für heute ist genug.“
- 10 Minuten: Ohne Smartphone nach draußen gehen, langsam gehen oder einfach sitzen und bewusst atmen.
Das Ziel ist nicht, nie mehr an die Arbeit zu denken. Ziel ist, nicht jedem Gedanken unmittelbar folgen zu müssen.




